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B. K. S. Iyengar: Der Mann, der den Körper zu einem Weg ins Bewusstsein machte

B. K. S. Iyengar: Der Mann, der den Körper zu einem Weg ins Bewusstsein machte

Geburt und frühe Jahre

„Geburt und Tod liegen außerhalb des menschlichen Willens. Sie liegen nicht in unseren Händen.“

B. K. S. Iyengar

B. K. S. Iyengar wurde am 14. Dezember 1918 in dem kleinen Dorf Bellur im Süden Indiens geboren, zu einer Zeit und unter Umständen, die kein leichtes Leben erwarten ließen. Die Welt wurde von einer Grippepandemie erschüttert, und seine Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen, ohne Elektrizität, Schule oder Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung. Er war das elfte von dreizehn Kindern einer großen Familie, in der Entbehrungen und Unsicherheit zum Alltag gehörten.

Seine Gesundheit war von Geburt an schwach. In seiner Kindheit litt er an Malaria, Typhus, Tuberkulose und den Folgen von Unterernährung. Er war dünn, schwach und oft völlig erschöpft. Als er fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Bangalore, und wenige Jahre später verlor er seinen Vater. Krankheiten und schwierige Lebensbedingungen beeinträchtigten seine Schulbildung, während ihn die Armut schon früh lehrte, mit sehr wenig auszukommen.

Nichts in seiner Kindheit deutete darauf hin, dass dieser kränkliche und körperlich schwache Junge eines Tages einer der einflussreichsten Yogalehrer des 20. Jahrhunderts werden würde. Noch weniger wahrscheinlich erschien es, dass gerade der Körper, der ihm in seiner Kindheit so viele Schwierigkeiten bereitet hatte, eines Tages zu seinem wichtigsten Werkzeug für die Erforschung des Lebens, des Bewusstseins und seiner selbst werden würde.

Als Yoga keine Wahl war, sondern eine Chance zu überleben

Im Alter von etwa sechzehn Jahren ging B. K. S. Iyengar nach Mysore, wo seine ältere Schwester mit ihrem Mann, dem angesehenen Yogalehrer Tirumalai Krishnamacharya, lebte. Er ging nicht dorthin mit dem Wunsch, Yogi zu werden. Er kam als schwacher und kranker junger Mann, der vor allem Nahrung, Kraft und die Möglichkeit brauchte, seine Gesundheit wiederzuerlangen.

Das Leben in Mysore war nicht einfach. Neben den Aufgaben im Haushalt musste er der strengen Disziplin seines Lehrers folgen. Krishnamacharya sah in ihm zunächst keinen besonders vielversprechenden Schüler. Sein Körper war steif, seine Muskeln schwach und seine Beweglichkeit eingeschränkt. Iyengar wusste zudem nur wenig über die tiefere Bedeutung der Asanas, die er praktizieren sollte. Wie er später berichtete, wusste er nicht, warum er sie ausführte, welchen Zweck sie hatten oder wie sie auf ihn wirken sollten. Trotz der Schmerzen stellte er keine Fragen und beklagte sich nicht. Er tat, was von ihm verlangt wurde.

Der Wendepunkt kam beinahe zufällig. Einer von Krishnamacharyas besten Schülern verschwand kurz vor einer wichtigen Vorführung, sodass Iyengar seinen Platz einnehmen musste. Innerhalb kürzester Zeit musste er anspruchsvolle Asanas erlernen und sie anschließend vor Publikum demonstrieren. Die erfolgreiche Vorführung brachte ihm erstmals Anerkennung, zeigte ihm aber vor allem etwas Entscheidendes: Sein Körper musste nicht für immer nur eine Quelle von Krankheit, Schwäche und Einschränkungen bleiben. Durch Disziplin und beständige Praxis konnte sich sein Körper verändern.

Sein Lernweg unterschied sich jedoch stark von dem, was wir uns heute unter einer typischen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler vorstellen. Es gab nur wenige Anweisungen, dafür hohe Erwartungen. Iyengar lernte nicht durch lange Erklärungen, sondern durch Wiederholung, Beobachtung, Fehler und Schmerz. Wenn er etwas nicht verstand, musste er die Antwort im eigenen Körper suchen.

Gerade dieser Mangel an detaillierten Anweisungen wurde später zu einer der Grundlagen seiner Arbeit. Weil er nicht alle Antworten erhalten hatte, begann er, selbst nach ihnen zu suchen. Nach und nach machte er seinen Körper zu einem Laboratorium und seine Praxis zu einer lebenslangen Erforschung. Er experimentierte mit Asanas, veränderte Bewegungsrichtungen und beobachtete, wie selbst kleinste Veränderungen in der Position des Fußes, des Knies, des Beckens oder des Brustkorbs die gesamte Asana beeinflussen konnten. Ihn interessierte nicht nur, wie eine Haltung von außen aussah. Er wollte verstehen, was im Inneren des Körpers geschah.

Im Jahr 1937, als er gerade einmal achtzehn Jahre alt war, schickte Krishnamacharya ihn nach Pune, um dort Yoga zu unterrichten. Der junge Iyengar sprach nur wenig Englisch und noch weniger Marathi, die Sprache seiner neuen Schüler. Er verfügte über begrenzte Kenntnisse, hatte kaum Geld und keinerlei Gewissheit, ob er als Lehrer erfolgreich sein würde. Allein kam er in die Stadt, die später zu seiner lebenslangen Heimat werden sollte.

Damals war er noch nicht Guruji, der Autor wegweisender Bücher oder der Lehrer, zu dem Schüler aus aller Welt reisen würden. Er war ein achtzehnjähriger junger Mann, der selbst noch viel zu lernen hatte, während er bereits andere unterrichtete. In dieser Zeit begann sich sein charakteristischer Ansatz herauszubilden: Praxis, Beobachtung, Korrektur und erneute Praxis. Jede Unterrichtsstunde wurde zugleich zu einer Gelegenheit für seine eigene Forschung. Aus diesem fortwährenden Prozess entwickelte sich allmählich eine Herangehensweise, die später das Lehren und Verstehen von Yoga weltweit nachhaltig beeinflussen sollte.

 

Die Begegnung, die Yoga in den Westen brachte

Anfang der 1950er-Jahre war Iyengar in Pune bereits ein angesehener Lehrer, außerhalb Indiens jedoch noch nahezu unbekannt. Dann begegnete er 1952 einem Menschen, der für die weitere Entwicklung seiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen sollte: dem weltberühmten Geiger Yehudi Menuhin.

Menuhin kam als gefeierter Musiker nach Indien, war jedoch von Reisen, Konzerten und zahlreichen Verpflichtungen erschöpft. Er interessierte sich für Yoga, hatte bei seinem ersten Treffen mit Iyengar allerdings nur wenig Zeit. Iyengar bemerkte sofort seine Erschöpfung und führte ihn statt in eine anspruchsvolle Asana in Savasana, die Haltung der tiefen Entspannung.

Menuhin entspannte sich so tief, dass er einschlief. Als er erwachte, war er von der Wirkung der Praxis überrascht. Aus dem ursprünglich kurzen Treffen entwickelte sich eine langjährige Freundschaft und eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Iyengar erkannte in Menuhins Körper die Auswirkungen jahrelangen Violinspiels: eine asymmetrische Haltung, Verspannungen und Erschöpfung. Er vermittelte ihm Yoga nicht als eine Sammlung exotischer Haltungen, sondern als einen Weg, durch den ein Musiker Stabilität, Entspannung, Konzentration und ein besseres Bewusstsein für den eigenen Körper entwickeln konnte.

Menuhin bemerkte bald, dass Yoga auch sein Violinspiel beeinflusste. Sein Körper wurde weniger angespannt, sein Geist ruhiger und sein Bewusstsein für den Atem klarer. Später bezeichnete er Iyengar als seinen besten Geigenlehrer. Damit meinte er nicht, dass Iyengar ihm musikalische Technik beigebracht hatte. Er hatte ihn gelehrt, den Körper zu verstehen und einzusetzen, mit dem er Musik machte.

Im Jahr 1954 lud Menuhin ihn in die Schweiz ein. Iyengar reiste damit zum ersten Mal nach Europa, wo Yoga damals noch relativ wenig bekannt war. Diese Reise war der Beginn seiner regelmäßigen Besuche in Europa und ein wichtiger Schritt bei der Verbreitung seiner Lehrweise außerhalb Indiens.

Menuhin schenkte ihm außerdem eine Uhr mit der persönlichen Widmung: „Meinem besten Geigenlehrer, B. K. S. Iyengar.“ Das Geschenk spiegelte die Freundschaft zweier Meister wider. Der eine hatte sein Leben der Musik gewidmet, der andere dem Yoga. Beide verstanden die Bedeutung von Disziplin, Körperbewusstsein und vollständiger Aufmerksamkeit.

Die ersten Schritte in Europa

Menuhin öffnete Iyengar nicht nur die Türen seines Hauses. Er stellte ihn Musikern, Künstlern, Intellektuellen und anderen einflussreichen Persönlichkeiten vor, die bereit waren, über die damals verbreiteten Vorstellungen von Yoga hinauszublicken. Iyengar reiste zunehmend durch Europa und unterrichtete während seiner Aufenthalte in der Schweiz, Frankreich und im Vereinigten Königreich.

Für einen Lehrer aus Indien war dieser Weg nicht einfach. Er begegnete sprachlichen und kulturellen Unterschieden, aber auch Vorurteilen und Missverständnissen. Viele Schüler kannten weder die Namen der Haltungen noch den philosophischen Hintergrund des Yoga.

Iyengar musste einen Weg finden, Yoga Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und kulturellen Hintergründen verständlich zu machen. Statt sich auf abstrakte Erklärungen zu verlassen, konzentrierte er sich auf den Körper. Er zeigte seinen Schülern, wie sie standen, ihr Gewicht verteilten, wo sie Stabilität verloren und wie ihr Atem Spannungen sichtbar machte.

Der Körper wurde zu einer gemeinsamen Sprache, die keine Übersetzung brauchte.

Seine Demonstrationen erregten große Aufmerksamkeit. Kraft, Beweglichkeit, Präzision und Kontrolle beeindruckten das Publikum, doch körperliches Können war nie sein eigentliches Ziel. Die äußere Form einer Asana war der Ausgangspunkt für ein tieferes Lernen.

Mit der Zeit bildete sich um ihn eine Gemeinschaft engagierter Schüler. Einige lernten während seiner Aufenthalte in Europa bei ihm, andere reisten später nach Pune, um direkt von ihm zu lernen. Seine Arbeit verbreitete sich vor allem durch direkten Unterricht und durch Schüler, die sein Wissen weitergaben.

Light on Yoga: das Buch, das zur Landkarte wurde

Durch seine Reisen erreichte Iyengar ein immer größeres Publikum. Doch er wusste, dass er nicht jeden persönlich unterrichten konnte. Er brauchte einen Weg, sein über viele Jahre entwickeltes Wissen zu ordnen, zu erklären und zu bewahren.

Auf Englisch zu schreiben war für ihn nicht einfach. Es war nicht seine Muttersprache, und er musste etwas in Worte fassen, das er jahrelang vor allem durch den Körper erforscht hatte. Wie beschreibt man eine Bewegungsrichtung, die ein erfahrener Lehrer mit einer einzigen Berührung vermitteln kann? Wie erklärt man den Unterschied zwischen Spannung und Stabilität?

Das Ergebnis war Light on Yoga, das erstmals 1966 erschien. Darin stellte er mehr als zweihundert Asanas systematisch vor, mit detaillierten Anleitungen, ihren Wirkungen und Übungssequenzen. Das Buch enthielt rund sechshundert Schwarz-Weiß-Fotografien, auf denen Iyengar die Haltungen selbst demonstrierte.

Die Fotografien waren nicht nur dazu gedacht, seine außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten zu zeigen. Sie dienten als visuelle Landkarte und zeigten Ausrichtung, Proportionen und die äußere Form der Haltungen zu einer Zeit, als es weder Online-Unterricht noch einen unmittelbaren Zugang zu Lehrern gab.

Light on Yoga wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und entwickelte sich zu einem der einflussreichsten Werke über die moderne Yogapraxis.

Doch das Buch sollte keinen Lehrer ersetzen. Iyengar wusste, dass eine Fotografie zwar die äußere Form einer Haltung zeigen kann, nicht aber, was im Körper eines einzelnen Schülers geschieht. Seine Anleitungen waren deshalb kein Versprechen, Asanas schnell zu beherrschen, sondern eine Einladung zu Beobachtung, Erforschung und kontinuierlicher Praxis.

Mit der Veröffentlichung des Buches wurde Iyengars Wissen einem wesentlich größeren Publikum zugänglich. Gleichzeitig wuchs seine Verantwortung, die Präzision und Tiefe seiner Methode zu bewahren. Iyengar wurde zunehmend nicht nur zum Lehrer einzelner Schüler, sondern auch zum Lehrer zukünftiger Generationen von Yogalehrern.

Das Zuhause des Iyengar Yoga in Pune

Während sich seine Arbeit weltweit verbreitete, blieb Pune der Mittelpunkt von Iyengars Leben. Nach jeder Reise kehrte er dorthin zurück, lebte dort mit seiner Familie, praktizierte, unterrichtete und setzte seine Erforschung des Yoga fort. Gleichzeitig wurde der Bedarf nach einem Ort, der ganz dem Yoga gewidmet war, immer deutlicher.

Bis dahin hatte er in verschiedenen Sälen, Institutionen und privaten Räumen unterrichtet. Das internationale Interesse an seiner Arbeit wuchs, und immer mehr Schüler aus dem Ausland kamen nach Pune. Er brauchte einen festen Ort, an dem er Anfänger, erfahrene Schüler, Menschen mit gesundheitlichen Problemen und zukünftige Lehrer unterrichten konnte.

Im Jahr 1973 legten B. K. S. Iyengar und seine Frau den Grundstein für das neue Institut. Ramamani erlebte dessen Eröffnung jedoch nicht mehr. Sie starb noch im selben Jahr im Alter von nur 46 Jahren. Ihr Tod war für Iyengar ein tiefer persönlicher Verlust. Die Frau, die mit ihm die schwierigen Jahre geteilt, ihre sechs Kinder großgezogen und seine Arbeit unterstützt hatte, starb gerade zu dem Zeitpunkt, als sein lang gehegter Traum Gestalt annahm.

Als das Institut 1975 eröffnet wurde, nannte er es Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institute, kurz RIMYI. Der Ort, der der Yogapraxis und dem Lernen gewidmet war, wurde damit zugleich zu einer bleibenden Erinnerung an seine Frau.

Das Institut entstand nicht als luxuriöses internationales Zentrum. Sein Herzstück war ein Übungssaal für die tägliche Praxis und das Lernen. Die Wände, Seile, Yogahilfsmittel aus Holz, Yogastühle, Bänke und andere Hilfsmittel waren keine Dekoration. Sie wurden Teil eines Raumes, in dem sich sein Unterricht ständig weiterentwickelte und an die Bedürfnisse der Schüler anpasste.

RIMYI wurde zur Schule und zum Zentrum von Iyengars Arbeit. Im selben Saal praktizierten Schüler aus Pune, Lehrer aus Europa und Amerika, Kinder, ältere Menschen sowie Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Einschränkungen und gesundheitlichen Problemen. Diese Vielfalt stellte Iyengar immer wieder vor neue Fragen und veranlasste ihn, sein Verständnis von Yoga weiter zu vertiefen.

Er unterrichtete nicht nach einem festen Schema. Er beobachtete die Gruppe und reagierte auf das, was er sah. Wenn die Schüler die grundlegenden Aktionen der Füße nicht verstanden, ging er nicht einfach weiter, nur weil eine anspruchsvollere Asana vorgesehen war. Er kehrte zu den Grundlagen zurück, wiederholte seine Anweisungen und suchte nach neuen Wegen, dieselbe Aktion so zu erklären, dass der Schüler sie im eigenen Körper spüren und verstehen konnte.

In seinem Unterricht gab es wenig Raum für automatisches Üben. Er verlangte volle Präsenz. Ein Schüler sollte nicht einfach eine Haltung einnehmen und warten, bis die Zeit verging. Er sollte beobachten, was jeder Teil des Körpers tat und wie sich dies auf Atem, Wahrnehmung und Geisteszustand auswirkte.

Für Iyengar war eine Asana nie etwas Statisches. Selbst in scheinbarer Bewegungslosigkeit blieb sie ein Prozess des Beobachtens und Erforschens.

Ein anspruchsvoller Lehrer, der von seinen Schülern volle Aufmerksamkeit verlangte

Iyengar wurde für seinen intensiven und direkten Unterrichtsstil bekannt. Seine Stimme war kraftvoll, seine Anweisungen präzise und seine Erwartungen hoch. Er bemerkte schnell Müdigkeit, Unaufmerksamkeit oder den Versuch, anspruchsvolle innere Arbeit durch eine äußerlich beeindruckende Form der Asana zu ersetzen.

Ihn interessierte nicht nur die äußere Form. Er wollte verstehen, was während der Asana tatsächlich im Körper geschah.

Seine Strenge konnte Schüler einschüchtern. Er beschönigte Fehler nicht und lobte nicht einfach, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Er war überzeugt, dass ein Lehrer einem Schüler nicht hilft, wenn er zulässt, dass dieser Bewegungen wiederholt, die zu falschen Mustern oder Verletzungen führen können.

Neben seiner Strenge betonten langjährige Schüler jedoch häufig seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und seine Aufmerksamkeit für jeden Einzelnen. Er erinnerte sich an ihre Verletzungen, Schwächen und Bewegungsmuster. Veränderungen im Gesicht, im Atem oder in der Art zu gehen bemerkte er oft, bevor ein Schüler selbst sagte, dass etwas nicht stimmte.

In therapeutischen Stunden konnte er viel Zeit einer einzigen Person widmen. Er veränderte Asanas, setzte Hilfsmittel ein und beobachtete die Reaktion des Körpers. Funktionierte ein gewohnter Weg nicht, suchte er nach einem anderen. Seine Anweisungen beruhten auf jahrzehntelanger direkter Arbeit mit Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Einschränkungen.

Von seinen Schülern verlangte er keine Perfektion. Er verlangte aufrichtige Anstrengung, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zu lernen.

Auch er selbst hörte nie auf, Schüler zu sein. Selbst als andere ihn längst als großen Meister betrachteten, kehrte er regelmäßig auf die Yogamatte zurück. Seine Autorität beruhte nicht nur auf seinem Ruf oder Ansehen, sondern auch darauf, dass er von sich selbst mindestens ebenso viel verlangte wie von anderen.

Sein Sohn Prashant Iyengar schrieb später, die ganze Welt habe in ihm den besten Lehrer gesucht und ihn gefunden, doch die Welt habe ihm nicht den besten Schüler bieten können. Dieser Gedanke bringt Iyengars Überzeugung zum Ausdruck, dass guter Unterricht auch einen Schüler voraussetzt, der wirklich bereit ist zu lernen.

Geeta, Prashant und die Fortführung der Familienarbeit

RIMYI war nicht das Werk eines Einzelnen. Neben B. K. S. Iyengar spielten seine Tochter Geeta Iyengar und sein Sohn Prashant Iyengar eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Instituts und führten die Arbeit der Familie auf jeweils eigene Weise weiter.

Geeta begann bereits als Kind Yoga zu praktizieren und übernahm schon in jungen Jahren einige Unterrichtsstunden ihres Vaters, wenn er auf Reisen war. Mit der Zeit wurde ihre Arbeit besonders wichtig für das Verständnis von Yoga in den verschiedenen Lebensphasen einer Frau.

Zu einer Zeit, als Themen wie Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Menopause in der Yogawelt häufig wenig Beachtung fanden, entwickelte Geeta Anpassungen, Übungssequenzen und unterstützende Methoden, die Frauen eine sicherere und bewusstere Praxis ermöglichten. Ihr Buch Yoga: A Gem for Women wurde zu einem grundlegenden Werk auf diesem Gebiet.

Ihre Lehre war nicht lediglich eine Erweiterung der Arbeit ihres Vaters. Sie beruhte auf derselben präzisen Beobachtung, beschäftigte sich jedoch gezielt mit dem weiblichen Körper und seinen Veränderungen in unterschiedlichen Lebensphasen. Damit erweiterte sie wesentlich das Verständnis dafür, wie eine Praxis an den einzelnen Menschen angepasst werden kann, ohne an Tiefe zu verlieren.

Prashant entwickelte die Familienarbeit in eine andere Richtung weiter, insbesondere durch die Erforschung der Beziehungen zwischen Körper, Atem, Geist, Sprache und Philosophie. In seinem Unterricht ging es nicht nur darum, was ein bestimmter Körperteil tun sollte. Er regte seine Schüler dazu an, tiefer zu erforschen, wer in uns handelt, wer beobachtet und wie sich die Praxis verändert, wenn der Körper nicht nur Ausführender, sondern auch Empfangender und Beobachtender ist.

Später führte auch Iyengars Enkelin Abhijata Sridhar Iyengar die Familienarbeit weiter, nachdem sie viele Jahre direkt bei ihrem Großvater praktiziert und gelernt hatte. So wurde das Wissen nicht als unveränderliches Regelwerk bewahrt, sondern als lebendige Tradition, die von jeder neuen Generation weiterentwickelt wird.

Darin liegt eine der wesentlichen Eigenschaften von Iyengars Vermächtnis. Seine Arbeit endete nicht mit einem Lehrer oder einer Generation. Sie wird durch seine Familie, Lehrer und Schüler auf der ganzen Welt weitergeführt.

Warum er begann, Yogahilfsmittel zu verwenden

Eines der bekanntesten Merkmale von Iyengars Vermächtnis ist die Verwendung von Hilfsmitteln: Yogablöcke, Gurte, Seile, Stühle, Decken, Bolster, Holzbänke und speziell entwickelte Stützen. Heute findet man sie in Yogastudios vieler verschiedener Traditionen, doch häufig wird vergessen, warum sie ursprünglich eingeführt wurden.

Iyengar entwickelte Hilfsmittel nicht, um die Praxis interessanter erscheinen zu lassen oder anspruchsvolle Asanas bequemer zu machen. Er begann sie einzusetzen, weil er Menschen begegnete, deren Körper den üblichen Anweisungen nicht folgen konnten.

Einige Schüler waren krank, verletzt oder sehr schwach. Andere waren älter, steif oder ängstlich. Eine Asana, die Iyengar ohne Unterstützung ausführen konnte, war für sie möglicherweise nicht zugänglich. Ihnen einfach zu sagen, sie sollten sich mehr anstrengen, hätte nicht geholfen.

Deshalb begann er, eine andere Frage zu stellen: Was braucht dieser Körper, um das Wesen der Asana erfahren zu können?

Manchmal war die Antwort eine Wand, ein anderes Mal ein Gurt, ein Seil oder ein hölzernes Hilfsmittel. Die Unterstützung ermöglichte es dem Schüler, lange genug in der Asana zu bleiben, um sie allmählich zu verstehen. Sie konnte helfen, die Bewegungsrichtung beizubehalten, unnötige Belastung zu reduzieren oder Bewusstsein und Aktivität in einen Körperbereich zu bringen, den der Schüler ohne Unterstützung noch nicht aktivieren konnte.

Hilfsmittel sind keine Abkürzung

In der Iyengar-Methode bedeutete die Verwendung eines Hilfsmittels nicht, eine minderwertige oder vereinfachte Version einer Asana zu praktizieren. Im Gegenteil. Ein richtig eingesetztes Hilfsmittel konnte dem Schüler helfen, präziser, sicherer und mit größerem Verständnis zu üben.

Wenn ein Schüler in einer stehenden Asana den Boden nicht erreichen konnte, brachte ein Yogablock die Unterstützung näher. Wenn steife Schultern die korrekte Ausrichtung der Arme erschwerten, half ein Gurt, den passenden Abstand und Widerstand herzustellen. Wenn ein Schüler nicht sicher in einer Umkehrhaltung bleiben konnte, ermöglichten ein Stuhl, Decken oder die Wand, die Asana ohne unnötige Belastung zu erforschen.

Das Hilfsmittel nahm dem Körper die Arbeit nicht ab. Es gab Rückmeldung. Ein Gurt zeigte, wo der Schüler die Richtung verlor. Die Wand machte sichtbar, ob der Körper ausgerichtet und symmetrisch war. Ein Yogablock bot Unterstützung und verlangte gleichzeitig eine präzisere Gewichtsverteilung. Ein Stuhl eröffnete neue Möglichkeiten, erforderte aber weiterhin die Aufmerksamkeit des Schülers.

Iyengar verwendete Hilfsmittel auch in seiner eigenen Praxis. Er betrachtete sie nicht als etwas, das nur für Anfänger, ältere Menschen oder Menschen mit Verletzungen bestimmt war. Er nutzte sie, um anspruchsvolle Asanas zu erforschen, länger in den Haltungen zu bleiben und subtilere Aktionen im Körper zu untersuchen.

Dasselbe Seil konnte einem Anfänger helfen, die grundlegende Ausrichtung der Wirbelsäule zu verstehen, während es einem erfahrenen Schüler eine andere Erforschung von Rückbeugen ermöglichte. Ein Yogablock konnte einem Schüler die Unterstützung näherbringen und einem anderen helfen zu verstehen, wie der Fuß aktiviert oder mehr Raum im Brustkorb geschaffen werden kann.

Von der Unterstützung des Lehrers zu Yogahilfsmitteln

Iyengar unterstützte seine Schüler häufig direkt mit seinen Händen, Füßen, Knien und dem Gewicht seines eigenen Körpers. Er gab ihnen dort Halt, wo ihnen noch Kraft oder Stabilität fehlte, und führte sie in Bewegungen, die sie allein durch verbale Anweisungen noch nicht verstehen konnten.

Diese Art der Unterstützung war niemals zufällig. Die Berührung musste präzise sein, im richtigen Moment erfolgen und an die Reaktion des einzelnen Schülers angepasst werden. Zu viel Kraft konnte Widerstand oder Überlastung erzeugen, zu wenig blieb möglicherweise ohne die gewünschte Wirkung.

Mit der Zeit suchte Iyengar nach Möglichkeiten, eine ähnliche Unterstützung ohne ständigen direkten Kontakt zwischen Lehrer und Schüler zu ermöglichen. Die Hilfsmittel übernahmen nach und nach einen Teil der Funktion der körperlichen Unterstützung durch den Lehrer. Sie halfen den Schülern, Richtung und Stabilität beizubehalten, auch wenn der Lehrer sie nicht unmittelbar unterstützte.

Dies wurde besonders bei der Arbeit mit größeren Gruppen und in der therapeutischen Praxis wichtig. Ein Lehrer konnte nicht jeden Schüler während einer gesamten Haltung körperlich unterstützen, während ein richtig positioniertes Hilfsmittel für die gesamte Dauer der Asana Unterstützung bieten konnte.

Ein Vermächtnis, das weiterlebt

B. K. S. Iyengar hinterließ weit mehr als Bücher, ein Institut und eine Methode, die heute seinen Namen trägt. Sein Vermächtnis lebt vor allem darin weiter, wie wir die Yogapraxis verstehen: in der Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen, in der Anpassung der Praxis an unterschiedliche Körper und in dem Verständnis, dass ein Hilfsmittel kein Zeichen von Schwäche ist, sondern zu einem tieferen Verständnis der Asana beitragen kann.

Seine Arbeit wird von Lehrern und Schülern auf der ganzen Welt weitergeführt, auch von Menschen, die nie die Gelegenheit hatten, ihm persönlich zu begegnen. Jedes Mal, wenn wir nicht nach einer perfekten äußeren Form streben, sondern nach Verständnis, Achtsamkeit und bewusster Praxis, führen wir einen Teil seiner lebenslangen Erforschung weiter.

Vielleicht ist dies die sinnvollste Art, sich am 20. August an ihn zu erinnern: nicht nur mit Worten über sein Leben, sondern indem wir auf die Yogamatte zurückkehren.

Sein Vermächtnis lebt dort weiter, wo alles begann: in der Praxis.

 
 

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